Kriegsbeginn und Evakuierung

Im Herbst 1939 war das Wort "Krieg" für mich als Vierzehnjährigen noch etwas Unbekanntes. Zwar hatte man im Elternhaus und in der Schule schon vieles davon gehört, aber so eine richtige Vorstellung hierüber hatte die Jugend nicht.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ein erst an Ostern aus der Schule entlassener Junge noch eine gewisse Begeisterung für das Soldatsein. Gründe für eine solche Einstellung waren in der diesbezüglichen täglichen Berieselung in der Schule zu suchen. Schlagworte wie "Wehrhaftigkeit" und "Stolz auf die neugeschaffene deutsche Wehrmacht" wurden uns jungen Menschen doch fast täglich von unserem Lehrer eingehämmert.

Wir Kinder spürten zwar im Elternhaus eine gewisse Abneigung, ja sogar Widerstand gegen diese hohlen Phrasen. Nicht ohne Grund erinnerten die Älteren daran, daß wir doch erst Krieg hatten - was waren schon zwanzig Jahre im Leben? Wir Kinder, die diese Zeit nicht miterlebt hatten, konnten diese Einwände jedoch nicht verstehen.

So kam der erste September und damit der Tag des Kriegsbeginns. Schon Tage zuvor war in Versammlungen festgelegt worden, wer bei einer zu erwartenden Räumung des Kampfgebietes mit der Reichsbahn fort durfte. Alte und Kranke sowie Frauen mit Kindern sollten auf diese Weise abtransportiert werden. Die übrige, marschfähige Bevölkerung war bereits in sogenannte Marschgruppen eingeteilt. Nur die Gruppenführer, meist gediente, ältere Weltkriegsteilnehmer wußten über das Ziel Bescheid. Sie verfügten auch über Karten, in welchen Marschweg und Ziel eingetragen waren. Ziel der Schodener Gruppen war der Mittelmoselbereich.

Da mein Vater auch als Gruppenführer eingeteilt war, mußte ich nur mit meiner Mutter und meiner Tante mittels Eisenbahn unsere Heimat verlassen. Genaue Abfahrtzeiten der betreffenden Züge gab es nicht. Die tagsüber in Schoden durchkommenden Flüchtlingszüge fuhren meist durch, da sie voll belegt waren.

Bereits in der Dunkelheit der frühen Morgenstunden des 1. September 1939 war das ganze Dorf auf den Beinen. Die Post brachte die ersten Einberufungsbescheide für Schodener Männer, meist Reservisten. Da das Kriegsgespenst schon länger umging, waren die Koffer - soweit vorhanden - schon mit dem Allernotwendigsten gepackt. Durch die große Nachfrage in den letzten Wochen waren nicht alle in den Besitz einer solchen Verpackungsmöglichkeit gekommen. So mußten Kartons und gar Kissenbezüge zum Verstauen der Habe herhalten. Ein wahrlich gespenstisches Bild, als die meist alten Leute traurigen Blickes, in vielen Fällen mit Tränen in den Augen, im wahrsten Sinne des Wortes mit "Sack und Pack" ihre Wohnhäuser verließen und in Richtung Bahnhof zogen. Es war ein sehr warmer Frühherbsttag. Die Leute am Bahnhof, vor allem die mit Kleinkindern, suchten den Schatten auf. Auch die Ockfener Bürger der vorgenannten Bevölkerungsgruppen warteten dort auf ihren Abtransport. Während die Schodener mal hin und wieder kurz nach Hause gehen konnten, mußten die Ockfener den ganzen Tag in der Hitze ausharren. Doch auch von vielen Schodenern wurde diese Möglichkeit nicht wahrgenommen, wer wollte schon mehrere Male von der Heimat Abschied nehmen.

Der Tag neigte sich schon dem Abend zu, als endlich ein Zug ankam, in welchen noch ein paar Waggons leer waren. Wahrscheinlich war es gut, daß durch die vielen Gepäckstücke für viele ein Blick auf das traute Heimatdörfchen nicht mehr möglich war. Keiner kannte das Ziel unserer Fahrt. Für die meisten war es wohl die erste größere Reise, da man bisher höchstens mal bis nach Trier gekommen war. Dies war eine Fahrt mit vielen Entbehrungen, vor allem für die jungen Mütter mit Kleinkindern. Es gab für diese armen, einfachen Leute keine Babynahrung in Dosen oder Gläschen. Man kannte auch keine Warmhalteflaschen für die Milch. Nur auf den größeren Bahnhöfen wurde an diese Mütter warme Milch ausgegeben.

In der Dunkelheit machte ich dank der Mithilfe des Mondlichtes zum erstenmal Bekanntschaft mit dem alten Vater Rhein. Als wir ihn mit dem Zug überquerten, lag schillerndes Mondlicht auf seinen Wellen.

Nach mehreren kurzen und auch längeren Aufenthalten kamen wir in den Mittagsstunden in der Stadt Wolfenbüttel an. Obwohl ich Geographie zu meinem Lieblingsfach ausgewählt hatte, war mir dieser Ort bis dahin nicht bekannt. Dort erhielten wir eine warme Mahlzeit und wurden etwas später auf eine Anzahl dort bereitstehender Busse verteilt. Unser Bus hatte eine Stunde später in dem Dorf Leinde sein Ziel erreicht.

Meine Mutter, meine Tante und ich wurden mit noch weiteren sechs Personen einem dortigen Bauern zugeteilt. Dieser stellte für uns ein einziges Schlafzimmer mit einem schmalen Bett zur Verfügung. In diesem Bett durften nach dem Willen der übrigen sieben Personen die Thielen Tant (Maria Thielen) und ihr Neffe Peter Zeimet nächtigen. Für die Übrigen - dies waren Anna Bidinger und deren Töchter Hilde und Dora, Josef Zeimet, meine Mutter, meine Tante und ich - wurde Stroh in den Raum geschafft.

So mußten wir die erste Nacht in der Fremde wie das Vieh auf Stroh verbringen. Im Laufe des nächsten Vormittages wurde uns erst bewußt, daß es Sonntag war. Für die meisten war dies der erste Sonntag ohne hl. Messe.

Für die Unterbringung war die Partei zuständig. Da in deren Augen diese Art der Unterbringung wohl kein Dauerzustand sein konnte, wurden wir am späten Nachmittag des zweiten Tages (3. September) in das Großbauerndorf Drütte verlegt. Hier kamen wir drei mit Luzia Wagner und ihren zwei Töchtern Margareta und Magda zu dem Gutsbesitzer Brüggemann. Dieser besaß einen sehr großen Bauernhof mit einem landwirtschaftlichen Betrieb von 500 Morgen Acker- und Weideland. Wir wurden hier aus der Küche des Gutes verpflegt. Natürlich schmeckte uns nicht alles, was die Haushälterin kochte. Die "Braunschweigische Küche" war eben anders als unsere. So fiel es mir auch schwer, den mit Zucker zubereiteten Salat zu essen.

Unsere Arbeitskraft wurde auf dem Gut nicht benötigt. Ich erhielt von Herrn Brüggemann lediglich den Auftrag, die im Park in Holzkübeln befindlichen Palmengewächse zu gießen. Diese befanden sich in der Winterszeit in einem großen Gewächshaus.

Einmal fragte der Bauer mich, ob ich harken könne. Leider konnte ich mit dem Wort "harken" nichts anfangen. Erst an Ort und Stelle wurde mir klar, daß er das Kämmen der Wiesen bei der Grummeternte meinte. Ab und zu durfte ich auch in der Kutsche mitfahren, wenn der Bauer die Hühnereier einsammeln fuhr. Die Hühner befanden sich in einem fahrbaren Hühnerstall, der auf den abgeernteten Getreidefeldern stand. Eine durchaus praktikable Vereinfachung des bei uns üblichen Ährensammelns.




Dieser Hof steht heute noch, wie ich mich 1992 selbst überzeugen konnte.
Leider ist kein Vieh mehr vorhanden, da nur noch Getreideanbau erfolgt.

 


Meine Mutter,

Tante Maria

und ich

im Park des

Gutshauses

Brüggemann

am 2.10.1939


Von rechts nach links: Margarete Wagner, Rudolf Klein, Hildegard Bidinger,
Magda Wagner, Dora Bidinger und Susanne Backes im Park des Gutshauses Brüggemann


Ehemalige Stallungen des Brüggemann-Hofes. Rechts Kuhstall, links Pferdestall. In der Mitte des Platzes befand sich der große Misthaufen


Die Erbin des Hofes mit mir im Gespräch

Ein Problem in dieser katholischen Diaspora war der Besuch einer Sonntagsmesse. Meistens gingen wir zu Fuß in das fünf Kilometer entfernte Dorf Thiede. Dort befand sich eine kleine katholische Kapelle in der eine heilige Messe gelesen wurde. Alle vier Wochen kam der Priester nach Drütte und hielt in einem vom Gutsbesitzer Henneberg bereitgestellten Saal den Sonntagsgottesdienst.


In diesem Haus hinter den zwei Bogenfenstern befindet sich auch noch heute der katholische Kirchenraum in Thiede

So verging Woche um Woche und im Westen unserer Heimat tat sich recht wenig. Außer kleineren Stoßtruppunternehmungen geschah militärisch gesehen nichts. Die ausgesiedelte Bevölkerung stellte sich die Frage, warum sie fünfhundert Kilometer von der Heimat entfernt sitzen sollte, wenn man genau so gut daheim wohnen konnte. So kam es, ähnlich wie im westlichen Grenzfrontbereich, zu einzelnen Stoßtruppunternehmen in Richtung Heimat. Anfang Dezember packten wir unsere Habseligkeiten und fuhren auf eigene Kosten mit der Eisenbahn nach Hause. Truppführer war der ehemalige Eisenbahner Michel Dohr aus Schoden. Er besorgte die Fahrkarten und hielt den Haufen bis zur Ankunft in der Heimat zusammen. So kamen wir ungehindert wieder nach Schoden und konnten unsere ersten Kriegsweihnachten daheim feiern.

Jetzt waren wir an der Reihe, in unserem Haus Menschen Obdach zu gewähren. Bis zum Einmarsch unserer Truppen in Frankreich hatten wir stets Einquartierung von Soldaten. Die ersten dieser Art waren Angehörige einer Artillerieeinheit aus Berlin. In unserem Wohnzimmer war die Schneider-, Sattler- und Schuhmacherwerkstatt. Auch unsere Kühe mußten zusammenrücken, denn im Stall wurden zwei Pferde untergebracht. Diese schlugen schon in den ersten Wochen ihres Aufenthaltes mit ihren Hufen unsere schönen Steintröge kaputt.

Vor unserem Haus in der Gartenstraße war Antreteplatz der Batterie. So konnte ich die ersten Eindrücke für mein zukünftiges Soldatenleben sammeln. Damals ahnte ich noch nicht, daß dieser Krieg noch nicht beendet war, als ich das wehrfähige Alter erreichte. So sollte es für mich ein neunjähriger Krieg werden.

Das erstemal im Leben auf dem Rücken eines Pferdes.
Das Pferd gehörte der vorgenannten Artillerieeinheit.





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