Auf nach Rußland

Am 19. September marschierten wir mit unseren Habseligkeiten nach der Hafenstadt Carantan. Dort wurden wir mit unseren Pferden auf die Eisenbahn verladen und es ging in achttägiger Fahrt dem schönen (- - - ?) Rußland zu.

Die Fahrtroute führte über Rouen - Paris - Charlons - Saarbrücken - Kaiserslautern - Worms - Darmstadt - Schweinfurt - Plauen - Chemnitz - Dresden - Breslau - Gleiwitz - Krakau nach Bobrinskaja.

Dazu noch ein Beispiel für eine gewisse Schlitzohrigkeit von Kameraden: Wilhelm Scheuermann aus Büttelborn bei Darmstadt hatte sich beim Lokführer nach der Fahrtroute erkundigt. Als er erfuhr, daß der Transport über Darmstadt ging, teilte er dieses seiner Familie mit. Im Bahnhof angekommen, erschien sein Vater mit einem großen Freßpaket und fuhr noch eine kurze Strecke im Waggon mit. In Absprache mit dem Lokführer verlangsamte dieser nach ca. 20 Kilometern die Fahrt des Zuges, damit Herr Scheuermann ohne Gefahr abspringen konnte. Ehrensache war natürlich, daß auch der Lokführer etwas aus dem Paket abbekam.

Am Bahnhof Bobrinskaja in der Ukraine wurden wir ausgeladen. Die Beine unserer Pferde waren so steif, daß sie fast nicht mehr gehen konnten. Jetzt betraten wir erstmalig in unserem Leben russischen Boden. Nach einigen Tagen Marsch gelangten wir an die Front am Dnjepr. Hier machten wir die Erfahrung, daß wir noch etliches lernen mußten, um als Frontsoldat zu gelten. Als nämlich die eigene Artillerie über uns hinweg schoß, sprangen wir allesamt in Deckung.

Die erste Stellung bezogen wir in einem Ort namens Nowo-Georgijewsk. Hier mußten wir uns so langsam an den Geruch der Russenhäuser gewöhnen. Es mangelte an Frischluft, da die Fenster nicht zu öffnen waren. Die einheimische Bevölkerung war noch allerorts anwesend.

Eine nicht wegzudenkende Einrichtung eines russischen Bauernhauses war der große Backofen in dem meist einzigen Raum des Wohnhauses. Dieser diente als Kochherd, Heizung und Nachtlager. Fast die ganze Familie brachte die Nacht in ihre Kleidung gehüllt auf dem Backofen zu. Wer auf dem Ofen keinen Platz mehr fand, übernächtigte auf der zum Ofen gehörenden Ofenbank. Auf dem Boden des Zimmers, der aus Lehm bestand, lagerten zur Zeit unserer Besetzung noch zusätzlich acht bis zehn Landser. Daß es dann unter den geschilderten Verhältnissen am anderen Morgen in diesem Raum nicht mehr kalt war, dürfte jedem einleuchten. So wie die Russen ihren Platz mit uns teilten, so teilten sie auch ihr Läusevieh mit uns. Diese für uns etwas ungewohnten Gäste brachten uns um manche Stunde der Nachtruhe.

Die für unsere Einheit am weitesten vorgeschobene Stellung war Krukoff bei Krementschug. Nach einigen Wochen war der Russe über den Dnjepr vorgestoßen und damit begann für uns eine sehr unruhige Zeit. Wir mußten öfters Stellungswechsel machen, zeitweise dreimal an einem Tag. Eine Ausnahme machte jedoch unsere Weihnachtsstellung. In dem Dörfchen Golowkowka konnten wir einige Wochen bleiben und in Ruhe unsere zweiten Weihnachten fern der Heimat feiern.

 

Die Postverbindung war bis zu diesem Zeitpunkt nach in Ordnung; außer, daß hier und da mal ein Postholerfahrzeug von Partisanen überfallen wurde. Meine gute Tante Maria hatte in der Heimat meine Versorgung mittels Päckchen übernommen. Zweihundert-Gramm-Päckchen durfte man so viele verschicken wie man wollte; jedoch nur einmal im Monat ein Zwei-Kilo-Paket. Hierzu bedurfte es einer Zulassungsmarke, welche monatlich an die Soldaten ausgehändigt wurde.

 

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