Der Rückzug beginnt

Nach Neujahr 1944 ging der Rückzug in größeren Etappen los. Vier Wochen lang waren wir täglich auf Achse. Manchmal war ich so müde, daß ich auf dem Pferd einschlief und unsanft durch einen Schrei meines Bockfahrers geweckt werden mußte, da ich mit meinen Pferden im Straßengraben angelangt war. Bisher sahen wir an den Fahrzeugen nur den weißen Stern unserer Division. Auffallend war jedoch jetzt, daß wir auch vielfach andere Divisionszeichen zu Gesicht bekamen.


Der Tscherkassy-Kessel in seiner Entwicklungzum Ausbruch

Der Grund hierfür wurde uns erst einige Tage später klar - als wir ringsherum Kanonendonner hörten. Am 28. Januar hatten sich zwei russische Panzerarmeen etwa 50 Kilometer hinter unserer Front die Hand gereicht und somit fast zehn deutsche Divisionen eingeschlossen. Die Nachricht, von den Russen eingeschlossen zu sein, erschreckte uns nicht gerade wenig. Für alte Veteranen war dies kein Weltuntergang, für uns junge Soldaten jedoch ein gewaltiger Schlag in die Magengrube. Sogleich kam der Gedanke auf: Du siehst deine Heimat nie wieder. Zur Verstärkung der Infanterie wurden Kanonierzüge für den Grabeneinsatz gebildet.

Die Verwundeten wurden durch die "Ju`s" (Transportflugzeuge), welche in Korsun noch einen Feldflugplatz unterhielten, herausgeflogen. Die meiste Verpflegung und die Munition wurden in bombenförmigen Behältern an Fallschirmen abgeworfen.

Der Ring um uns wurde mit jedem Tag enger. Eingeschlossen waren sechs ganze Divisionen sowie Teile von vier weiteren Divisionen - ungefähr 56.000 Mann. Durch Tausende von Flugblättern machte der Russe uns unsere Lage klar und forderte uns auf, wegen des sinnlosen Kampfes die Waffen zu strecken.

Die Kriegführung hatte die Division LAH (Leibstandarte Adolf Hitler) mit noch weiteren Divisionen von außen her eingesetzt, um den 30 Kilometer breiten Ring zu sprengen. Diese blieb jedoch - wie auch ihre Nachbardivisionen - im Schlamm stecken. Da sie erst die Hälfte des Ringes aufgebrochen hatten, mußten wir laut Befehl die restlichen fünfzehn Kilometer von innen her durchstoßen. Alles, was wir für einen Durchbruch nicht unbedingt benötigten, wurde nach und nach verbrannt. Schreibstubenwagen mit Akten, Nachrichtenfahrzeuge und zuletzt auch die Geschütze wurden gesprengt, weil sie über das unwegsame Gelände mit den Pferden nicht mehr mitgeführt werden konnten.




Sechsergespann der Artillerie
Die Stangenpferde wiesen das stärkste Kaliber auf.
Vollrumpfige Warmblüter, nicht zu hoch über dem Boden stehend,
wurden bei der Divisions-Artillerie bevorzugt verwendet.

Unser Ziel war Lissjanka, die Parole war "Freiheit". Doch unsere Fahrt ging nicht weit, wir kamen in ein sumpfiges Tal, wo wir auch die Feldküche und den Verpflegungswagen zurücklassen mußten. Die restliche Verpflegung wurde ausgegeben und es ging zu Fuß weiter. Ich selbst spannte meine zwei Pferde vor ein Panjefahrzeug auf welchem Verwundete lagen. Über Sturzäcker und zum Teil zerschossene Laufgräben ging die Fahrt ins Ungewisse. Bei diesem starken Beschuß konnte ich ohnehin nicht mehr reiten und wurde gezwungen, vor dem MG-Feuer hinter meinen Pferden Schutz zu suchen.

Von uns erwiderte fast keiner mehr das Abwehrfeuer, ein Ziel konnte in diesem Qualm und Nebel keiner mehr ausmachen. Vorbei ging es an sämtlichen Fahrzeugen der SS-Division "Wiking". Diese war voll motorisiert und auch sie mußte ihren gesamten Fahrzeugpark in die Luft jagen oder verbrennen. Niemand zählte die Kameraden, die durch die eigene Munition von den brennenden Fahrzeugen sterben mußten. Die kameradschaftliche Nächstenliebe ging flöten. Wer getroffen wurde und zu Boden sank, war verloren. Ein jeder versuchte nur, sich aus diesem Chaos zu retten. Kameraden unserer Einheit sah ich nicht mehr, meistens nur fremde Gesichter. "Alles rennet, rettet, flüchtet ----".

Die Verwundeten auf meinem Gefährt schrien auf, wenn der Wagen zu kippen drohte. Wiederum andere baten mich, mitgenommen zu werden. Einen Soldaten mit schwerem Bauchschuß lud ich auf, obwohl auf dem kleinen Fahrzeug schon kein Platz mehr war und die Verwundeten zum Teil schon aufeinander lagen. Ich betete, daß der Herrgott mir bei diesem Samariterdienst doch behilflich sein sollte. Von den vielen anderen dort liegenden Kameraden mußte ich wehmütig meinen Blick abwenden. Auf meinem Wagen war ohnehin kein Platz mehr und ich wollte wenigstens diese Fuhre der Hölle entreißen.

Endlich gelangte ich in eine Mulde, in welcher das feindliche Feuer nicht mehr so stark war. Weshalb sich dort auch schon einige hundert Landser mit weiteren Verwundetenfahrzeugen gesammelt hatten. Dort traf ich auch unseren Spieß, Hauptwachtmeister Duchard, mit weiteren Kameraden unserer Batterie wieder.

Plötzlich tauchte auf einer Anhöhe ein russischer Panzer auf, welcher sogleich das Feuer auf uns eröffnete. Ein erschütterndes Bild!

Volltreffer auf die Gespanne, umstürzende Wagen, durchgehende Pferde, welche mit einzelnen Fahrzeugteilen über die am Boden liegenden Verwundeten hinwegrasten. Die hereinbrechende Dunkelheit machte diesem Morden ein Ende - der Panzer fuhr weg. In der Dunkelheit sind einzelne Panzer ziemlich unsicher.

Die kommende Nacht brachte noch etliche Zusammenstöße dieser Art, sie alle zu erwähnen würde zu weit führen. Am Nachmittag des 17. Februar erreichten wir die Ortschaft Lissjanka. Bei den meisten Ausbrüchen dieser Art war es immer ein Nachteil, zur Nachhut zu gehören. In diesem, unserem Fall war es jedoch ein Vorteil. Was vorher in diesem Dorf geschehen war, konnte man an den Hunderten dort liegenden toten Soldaten erkennen. Zudem konnten wir den Gniloi-Tikitsch über eine von Pionieren gebaute Notbrücke überqueren, wogegen die Vorhut und die nachfolgenden Truppen den reißenden Fluß meist schwimmend durchqueren mußten. Viele Kameraden gerieten am anderen Ufer unter das Eis und ertranken. Nur wenige Meter vor der rettenden Freiheit zu sterben, muß besonders schmerzlich sein.



Hier die Schilderung von Kameraden, die etwa 9 km südlich diesen Teufelsfluß erreicht hatten:

"Chaos am Fluß Gniloi Tikitsch

Die Masse derAusbrechenden, mit ihnen ausgeschirrte Pferde sowie einige wenige Bespannfahrzeuge und Zugmaschinen, kam ab dem späten Vormittag des 17. Februar 1944 – wenn auch auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten – an das letzte Hindernis, den Gniloi Tikitsch. Zwei bis vier Kilometer südöstlich von Lissjanka stieß der "Lindwurm" auf diesen kleinen Fluß, von dem man bei Ausbruchbeginn annahm, ihn schnell und ohne Mühen überwinden zu können. Der Bach, der auf der Karte kaum ins Auge fällt, führte zum Zeitpunkt des Ausbruches Hochwasser; er wies je nach Lage eine Breite zwischen 10 bis 25 Metern und eine maximale Tiefe von etwas über zwei Metern auf; Er floß schnell und war mit Eisschollen bedeckt. Sein östlicher Uferbereich war flach und sumpfig, was seinen Namen ("gniloi", d.h. faulig) entsprach. Das westliche, rettende Ufer hingegen war relativ steil und stellenweise ausgewaschen bzw. unterspült.

Die Situation stellte sich für die dort – südlich Lissjanka – eintreffenden Soldaten höchst dramatisch dar: Eine Brücke war an dieser Stelle nicht vorhanden, und der Bach führte Hochwasser; im Rücken stand der Gegner mit Panzern, Artillerie und Infantrie und feuerte rücksichtslos in die am Fluß auflaufenden Haufen. In kurzer Zeit stauten sich dort Tausende. Die sporadischen Feuerüberfälle der Sowjets erhöhten die Nervosität; gottlob nahm der nur leicht gefrohrene Boden mancher Granate die übliche Splitterwirkung. Unter Zurücklassung der letzten Handfeuerwaffen stürtzten sich viele in blindem Selbsterhaltungstrieb mit voller Montur in die eisigen Fluten. Andere wiederum warfen Uniformteile auf das andere Ufer, was nicht immer gelang; mansches Stück trieb davon.

Krampfhaft wurde versucht, Übergänge zu schaffen. An wenigen breiten Stellen versuchte man, mit Brettern und Balken einen Übergang zu improvisieren, doch vergebens. Dann wurden Panjewagen in den Fluß gestoßen; diese trieben allerdings aufgrund der relativ großen Fließgechwindigkeit ab und gingen unter. Sogar der leichte Befehlspanzer des Adjudanten der gepanzerten Artillerie-Abteilung der Division WIKING, der es bis zum Fluß geschafft hatte, wurde in den Bach gefahren; er kippte um und ward nicht mehr gesehen. Orientierungslosigkeit, Panik und Chaos erreichten ihren Höhepunkt. Es darf jedoch festgehalten werden, daß selbst in dieser Stunde die Befehle beherzter Vorgesetzter durchaus befolgt wurden.

Bedauerlicherweise wurde im allgemeinen Durcheinander zunächst nicht wahrgenommen, daß Lissjanka weiter nördlich trockenen Fußes zu erreichen gewesen wäre; denn der Fluß nahm nach etwa zwei Kilometern in nördlicher Richtung seinen Lauf direkt auf den Ort. In Vermeidung des Sprungs in das eisige Wasser fand ein kleiner Teil der Ausbrechenden eher zufällig diesen Ausweg.

In den Vormittags, ja bis in die Nachmittagsstunden des 17. Februar 1944 hinein konnte der Gniloi Tikitsch nur schwimmend überwunden werden. Für Nichtschwimmer eine besonders prekäre Situation! Beherzte Offiziere bildeten mit Schwimmern Menschenketten, an denen sich die Nichtschwimmer hinüberarbeiten sollten. Aufgrund der schnell schwimmenden Eisschollen, der Menschenleiber, der Pferdekadaver und der Balken rissen jedoch diese Menschenketten immer wieder. Mancher Nichtschwimmer klammerte sich verzweifelt an einen Kameraden und riß diesen mit in die Tiefe. In diesem Chaos erreichten selbst gute Schwimmer – behindert durch die nasse Winterkleidung sowie durch die im Fluß treibenden Leichen und Kadaver – das rettende Ufer nicht immer.

Wer das rettende Ufer geschafft hatte, war noch lange nicht gerettet. Ufergestrüpp und eine etwa zwei Meter hohe, relativ steile Uferböschung mußten überwunden werden. Viele hatten nicht mehr die Kraft hochzuklettern. Mit durchnäßten, schwergewordenen Mänteln und klammen Händen rutschten sie zurück, wurden abgetrieben und ertranken doch noch im eisigen Wasser. Auch die Generale Lieb und Gille sowie Oberst Dr. Hohn und Oberst Franz mußten den Bach schwimmend überqueren; Lieb, dessen Pferd ertrank, erreichte gegen 16.00 Uhr Lissjanka. Auf dem letzten Wegstück nach Lissjanka – meist mehr taumelnd als gehend – verfolgte die Ausbrechenden, deren Gliedmaßen vor Kälte schlotterten und die von Frost zunehmend erstarrten, weiterhin das Feuer sowjetische Panzer und Artillerie.

Das fatale war, daß die Kameraden der 1. Panzerdivision und der 1. SS-Panzerdivision LAH die Ausbrechenden nicht an dieser Stelle, d.h. südlich von Lissjanka, erwartet hatten. Erst als im Laufe der Mittagsstunden immer mehr deutsche Soldaten – drei bis vier Kilometer auf dem westlichen Ufer des Baches marschierend – den Ort Lissjanka erreicht und die dortigen Einsatztruppen alarmiert hatten, schoben sich schnell ein paar Panzer und Pioniere an die Übergangsstellen und errichteten Behelfsstege. Unter dem Feuerschutz dieser Panzer der LAH vom III. Panzerkorps gelang es dann in den Nachmittagstunden des 17. Februar 1944 vielen Soldaten, trockenen Fußes an beiden Ufern entlang den Ort Lissjanka zu erreichen. Es steht außer Frage, daß am Gniloi Tikitsch die meisten Soldaten gefallen oder ertrunken sind. Die Freiheit, von der die Eingeschlossenen die letzten Wochen geträumt hatten, so nah vor Augen, mußten sie an diesem Fluß ihr Leben lassen. Am Gniloi Tikitsch südlich von Lissjanka dürften tausende Kameraden ums Leben gekommen sein, nicht zuletzt durch die feindlichen Artillerie-, Granatwerfer- und Panzergeschosse, die in die Menschenansammlungen am Ostufer einschlugen. Der Abschlußbereicht von Oberarzt Dr. Behnsen, dem stellvertretennen Korpsarzt, beziffert die Gesamtverluste der eingekesselten deutschen Verbände auf rund zehntausend Mann und fügt ergänzend hinzu, daß am Gniloi Tikitsch die meisten Verluste zu verzeichnen waren. Für denjenigen, der sieses infernalische Chaos überlebt hat, bleibt die eigene Rettung in dieser kritischen Phase für immer ein Wunder."

Dieses Wunder nehme ich auch für meine Person in Anspruch, da ich in diesem Chaos und bei dieser eisenhaltigen Luft nicht die geringste Verletzung davongetragen hatte. Die erlittene Erfrierung stellte ich erst 16 Stunden später fest.

Meine Pferde blieben mit den durchgebrachten Verwundeten am ersten Hauptverbandsplatz. Es fiel mir schwer, von diesen treuen Mitkämpfern Abschied zu nehmen. Wir mußten noch einen ganzen Tag durch die Schneewüste marschieren. Der Durst, der nur mit Schnee gestillt werden konnte, quälte uns mehr als der Hunger. An der ersten Verpflegungsstelle angekommen, schlugen wir heißhungrig das erste warme Essen seit zweieinhalb Tagen herunter. Dann ging es wieder weiter bis nach Bucki, dem nächst größeren Ort. Hier hatten wir die Möglichkeit, den letzten vorhandenen Hunger zu stillen. In dem von Soldaten voll belegten Ort ging dann die Suche nach einem kleinen Plätzchen los, wo man einige Stunden schlafen konnte. Nach einiger Zeit fand ich mit Hilfe eines Batteriekameraden ein Haus, in welchem ich die Nacht wenigstens sitzend auf einem Stuhl verbringen konnte. Nachdem ich mich aufgewärmt hatte, schmerzten meine Füße außerordentlich. Doch der Schlaf war stärker und ließ mich die Schmerzen vergessen.


Der Fluß Gniloi Tikitsch - Dieser Fluß kostete hunderte, aus dem Kessel ausbrechende deutsche Soldaten das Leben


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