Die Danziger Kämpfe und das EK 2

An einem Tag Ende März wurde ich mit noch einem Funkerkameraden und einem Leutnant zur Einrichtung einer VB-Stelle (vorgeschobener Beobachter) in den westpreußischen Ort Frankenhagen beordert.

Wir suchten uns hierzu ein zweistöckiges Haus an der Durchgangsstraße des genannten Ortes aus, von dem wir die angebliche Frontlinie beobachten konnten.

Unser Funkgerät bauten wir im Keller des Hauses auf. Die große Antenne stellte ich unmittelbar vor dem Haus am Straßenrand auf. Nach einigen Stunden, unsere Batterie hatte erst einige Schüsse auf unsere Weisung hin abgegeben, vernahmen wir im Keller deutliche Motorengeräusche. Zusammen mit dem zu vernehmenden Kettengerassel ließ dies auf anrückende Panzer schließen.

Da sich die dann von uns gesichteten Panzer in Richtung Front bewegten, stand für uns fest, daß es sich um Kameraden handeln mußte. Wir verließen den Keller und wollten den Besatzungen zuwinken. Aber, oh Schreck - - -, die Panzer trugen den Sowjetstern.

Wir verschwanden darauf so schnell wie möglich wieder in den Keller. Dort packten wir das Funkgerät zusammen und ich robbte von der Kellertreppe aus zu meiner Antenne, die nur drei Meter von einem stehenden Panzer entfernt stand. Die Sehschlitze eines Panzers geben der Besatzung nur eine begrenzte Sicht frei. Zu meinem Glück war die Einstiegsluke des Panzers noch geschlossen, so daß ich mein Werk unbemerkt beenden konnte.

Da Artilleristen in den seltensten Fällen im Besitz von Panzerfäusten sind, blieb uns nur die Flucht übrig. Auf der Kellertreppe kamen mir schon meine Kameraden entgegen. Auf der Flucht hatte ich es dann leichter, nur mit der Antenne über die Gartenzäune zu springen, als meine Begleiter mit den 40 Pfund wiegenden Kanistern

der Funkgeräte auf dem Rücken. Als uns die Russen in einiger Entfernung doch noch entdeckten, sandten sie uns einige Granaten nach, bis wir unverletzt in einen vom Volkssturm besetzten Schützengraben fielen.

Da unsere Stellung bei dem Ort Frankenhagen nicht zu halten war, ging es wieder weiter. In der Tucheler Heide wurden wir in schwere Kämpfe verwickelt. Hier verloren wir unseren Nachrichtenstaffelführer. Dieser saß bei uns Funkern im selben Raum am Klappenschrank der Vermittlung. Eine Granate schlug durch das Dach in das Haus ein, riß ihm das linke Bein ab, durchschlug die Außenwand des Hauses und krepierte auf dem Hof. Vor seinem Abtransport zum Hauptverbandsplatz rief er uns noch zu: Grüßt mir meine Frau und meine Kinder. Einige Stunden später verstarb er auf dem Hauptverbandsplatz. Wäre die Granate nur zwei Sekunden früher explodiert, hätte dies für uns alle den Tod bedeutet.

Wir mußten tagtäglich dem starken Druck der Russen weichen. Es ging zurück über Bruß, Karthaus bis kurz vor die Hafenstadt Danzig. Dort kam es bei einer Ziegelei in Wittstock und an einer Schäferei vor Oliva zu sehr schweren Kämpfen. Inzwischen war die Stadt Danzig bis zu sechzig Prozent von Fliegern zerstört. Ende März mußten wir wegen eines starken Panzereinsatzes der Russen die schöne deutsche Hansestadt aufgeben.

Zahlreiche Tote, die bei den Luftangriffen umkamen, bedeckten noch die Straßen der Stadt.

Es befanden sich noch sehr viele Zivilisten dort. Als wir bei Aufgabe der Stadt erhängte Soldaten an den Alleebäumen hängen sahen, fragten wir uns: Warum kämpfen wir noch?

Kann es das Ziel unseres Kampfes sein, daß unschuldige und wehrlose Bürger gemordet werden und wir Soldaten an Bäumen deutscher Städte von deutschen Offizieren aufgehängt werden? Man hatten diesen Soldaten Schilder um den Hals gehängt mit Aufschriften wie: "Volksverräter" oder "Fahnenflüchtig". Viele von ihnen trugen das EK I und waren trotzdem nicht einmal eine Kugel wert.

In Heubude, nördlich von Danzig, bezogen wir nochmals Stellung. Die Batterien standen am Waldrand des Danziger Forstes. Ich befand mich auf der VB-Stelle im Rieselfeld. Vor uns stand noch eine Flakbatterie, welche trotz einer völlig ungedeckten Feuerstellung nicht zurück durfte.

Als am Nachmittag des zweiten Tages diese Batterie die weiße Flagge hißte, kam von der Division der Befehl, sie unter Feuer zu nehmen.

Genügte es nicht, daß Millionen durch die Hand des Feindes fallen mußten? Nein - nun mußten sich die Deutschen noch gegenseitig umbringen. Sonst mußte mit der Munition so gespart werden, daß jeder Schuß genehmigt werden mußte. Und nun hatte man noch genug, um auf eigene Kameraden zu schießen?

Nach einigen Tagen ging es über die Tote Weichsel, einen Nebenarm der Weichsel. Von östlich Neufähr nach westlich Neufähr auf die Danziger Nehrung. Von dort ging es nach Bohnsack, einem Seebad und Fischerdorf. Am 9. April 1945 wurde ich zum Obergefreiten befördert und erhielt im Hinblick auf die Danziger Kämpfe das EK2. Noch am selben Tage wurde unsere glorreiche 389. Infanterie-Division aufgelöst; auf dem Papier (Armeebefehl) war dies bereits am 5. April verfügt worden. Auch die 73. I.D. ereilte das gleiche Schicksal, aus den Resten dieser Divisionen sollte eine kampfkräftige Truppeneinheit geschaffen werden. Das Art.Reg. 252 erhielt wieder vier volle Abteilungen.

 

 

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