Kapitulation auf Hela

Teile unserer Batterie wurden der 12. Luftwaffendivision zugeteilt, wogegen die restlichen Mannschaften dem Artillerie-Regiment 252 der 252. Infanterie-Division zugeordnet wurden. Ich selbst wurde Angehöriger der zuletzt erwähnten Division. Mit noch sieben Kameraden kam ich zur 7. Batterie der III. Abteilung. Abteilungskommandeur war Major Richter, welcher aus unserer alten Division stammte. Ebenso unser neuer Batteriechef, Oberleutnant Schöngardt.

Wir lagen direkt an der Ostsee, dreißig Meter vom Wasser in einem Dünenbunker. Obwohl unsere Batterie offiziell im Küstenschutz eingesetzt war, konnte diese jedoch auch in die andere Richtung an die Front schießen. Unsere VB-Stelle befand sich nordwestlich unserer Stellung in Richtung Gotenhafen. Wir wurden nur wöchentlich abgelöst. Sämtliche Rundfunkgeräte wurden eingezogen, da es nicht mehr möglich war, einen deutschen Sender zu empfangen. Weit über die Hälfte unseres Vaterlandes war schon vom Feind besetzt. Je hoffnungsloser die Lage wurde, um so verrückter wurden die Soldaten hier ausgebildet. VB-Schulungen wurden arrangiert. Infanterieausbildung, bei der selbst die ältesten Landser noch durch den Dünensand bewegt wurden. Der russische Druck hatte aufgehört, weil diese wohl nicht mehr jeder kleinen Gruppe nachjagen wollten.

Die Verpflegung wurde immer knapper, weil der Nachschubweg über die See immer weiter wurde. Es gab keine Kartoffeln mehr, das Brot wurde knapp, nur Pferdefleisch gab es noch ausreichend. Ein Lettenbataillon der Waffen-SS fing eifrig in der Ostsee Fische.

Ende April erreichte uns die Nachricht, daß Hitler tot sei und Admiral Dönitz den Oberbefehl übernommen habe. Am 2. Mai ging es mit Hab und Gut nach Schievenhorst. Hier wurden unsere Geschütze und wir selbst auf eine seetüchtige Fähre verladen und die Fahrt ging auf die Halbinsel Hela. Nach ungefähr zwei Stunden erreichten wir den Hafen Hela. Eine enorme Menschenmenge bevölkerte diese Halbinsel.

Außer deutschen Soldaten hielten sich große Mengen Ostvolk dort auf, welche sich mit den deutschen Soldaten vor der heranwälzenden Front dorthin geflüchtet hatten. Sehr viele westliche Gefangene waren ebenfalls dort. Diese waren vordem in Ostpreußen in der Landwirtschaft tätig. Viele wurden noch mit vorhandenen Schiffen abtransportiert.

Am 4. Mai erreichte uns die Nachricht, daß unsere Armeen im Westen kapituliert hätten. Wir hatten noch immer Dienst, bis am Abend des 8. Mai der Abteilungskommandeur die ganze Abteilung antreten ließ. Hierbei tat er uns kund, daß in der kommenden Nacht um null Uhr auch unsere Armee die Waffen strecken werde.

Wir waren nach dieser Nachricht sehr geschlagen. Obwohl jeder froh war, daß dieser unselige Krieg sein Ende hatte, kam ein solches Ende für uns alle doch zu plötzlich. Wehleidigen Herzens legte jeder seinen Karabiner, der ihn so viele Jahre begleitet hatte, aus den Händen. Sie wurden zu großen Haufen gestapelt.

Von den Russen war noch immer nichts zu sehen. Die in der Nähe des Hafens liegenden Truppen schlugen sich fast gegenseitig tot, um auf ein noch dort liegendes Schiff zu kommen. Da wir die Sinnlosigkeit dieses Tuns einsahen, blieben wir auf Rat unseres Batterieführers an Ort und Stelle zusammen. Wie wir später erfuhren, liefen diese Schiffe die Insel Bornholm an. Da dies dänisches, von Deutschen besetztes Gebiet war, holte der Russe diese Soldaten dort wieder ab und brachte sie nach Rußland.

Wir besuchten in dieser Nacht die verlassenen Marine-Artilleriebunker und konnten uns noch mit sehr vielen Lebensmitteln eindecken. Auch das Verpflegungslager Hela wurde von den Soldaten gestürmt. So kochten und backten wir bis in die frühen Morgenstunden, als der Tag der Waffenruhe graute.

 

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