Einzug in die russische Gefangenschaft

In den ersten Morgenstunden überflogen russische Flieger die Halbinsel und warfen Bomben in die See. Vermutlich wollte man sich vergewissern, ob unsere Waffen schwiegen.

Am Abend kamen mit einem Fährboot von Danzig her russische Offiziere an Land. Sie garantierten uns unser Leben und die Belassung unseres persönlichen Eigentums. Unsere Offiziere durften ihre Pistolen ohne Munition behalten. Den Mannschaften wurde das Seitengewehr belassen.

Am folgenden Tag ging der Abmarsch los. An Fahrzeugen durften die Feldküche und ein Gepäckwagen mitgeführt werden. Kurz vor der Stelle, wo sich Hela mit dem Festland vereint, durchschritten wir die Hauptkampflinie. Jeder Frontkämpfer kann sich vorstellen, wie es dort auf einer Frontlänge von nur achtzig Metern aussah. Zerborstene Waffen aller Art, kein unbeschädigter Baum mehr, zerschossene und zum Teil zugedrückte Laufgräben, in denen noch tote Soldaten standen oder lagen. Die ganze Erde war derart aufgewühlt, daß man trotz Frühlingszeit kein grünes Plätzchen mehr vorfand. Eine Pioniereinheit wurde gleich dabehalten, um Minen zu räumen.

Bei Putzig nahm unser General im Beisein eines russischen Generals noch den Vorbeimarsch der geschlagenen Regimenter ab. Mit dem Ruf: "Lebt wohl, Kameraden!" verabschiedete sich der General von seinen Männern.

Dann ging der Marsch durch Gotenhafen, Zoppot, Oliva, Langfuhr und Danzig. Überall säumte die Bevölkerung die Straßen. Junge Mädchen steckten uns Flieder an die Waffenröcke und marschierten einige Kilometer weit mit. Das Pferd unseres Batteriechefs hing voller Blumen. Unkundige hätten uns mit dem Sieger verwechseln können.

Das einzige Geschenk, das uns die Bevölkerung machen konnte, war Trinkwasser. In einem Zeitraum von acht Tagen waren Tagesmärsche von fünfzig bis sechzig Kilometern keine Seltenheit. Über manche Wangen der Umstehenden rollten Tränen: Kommt wieder, vergeßt uns Danziger nicht, wir sind auch Deutsche! Diese Rufe waren immer wieder zu hören. Hin und wieder kamen Polen und trieben die Deutschen vom Straßenrand zurück.

In Danzig gab man uns bekannt, daß wir bis nach Deutsch-Eylau in Ostpreußen marschieren müßten, da dort das einzige Entlassungslager mit einer alliierten Kommission sei.

Alles nur Parolen - und doch geschickt von der russischen Propaganda aufgezogen. Wir hatten nämlich auf dem Marsch dorthin keinerlei Bewachung. So kamen wir nach acht Tagen Marsch in Deutsch-Eylau an. Am Pfingstsamstag durchschritten wir das Tor zum Lager. Es bestand aus ungefähr 50 Siedlungshäusern, welche jedoch schon alle bis unters Dach belegt waren. Man war noch damit beschäftigt, einen hohen Stacheldrahtzaun ums Lager anzubringen. An jeder Lagerecke stand ein hoher Wachturm, der mit russischen Posten besetzt war. Es sah also richtig entlassungsmäßig aus ---!

Als erste Maßnahme wurden die sogenannten Beutedeutschen aussortiert. Tschechen, Polen, Elsaß-Lothringer, Luxemburger, Belgier und Holländer wurden von uns getrennt. Man hatte fast den Eindruck, daß das Häufchen Deutscher kleiner war, als das der Ausländer.

Ein jeder wollte auf einmal kein Deutscher mehr sein. Alle wechselten ihren politischen Standpunkt, am meisten jedoch die übereifrigen Nazis. Selbst den Bayern fiel es ein, daß sie einmal ein selbständiges Königreich waren. Ein jeder von ihnen nähte sich in wenigen Tagen ein blau-weißes Band an die Mütze und hoffte, bevorzugt entlassen zu werden. Was hatten sie mit den kriegslüsternen Preußen zu tun? Aber der Russe wußte auch, wo Bayern lag.

Wir mußten auf einer Wiese unsere eigenen Vier-Mann-Zelte aufbauen. Im Lager befanden sich inzwischen 50.000 Mann. Das größte Problem für die Russen war die Versorgung dieser Menschenmenge mit Lebensmitteln.

Die Vorräte der eigenen Feldküchen waren erschöpft. Mehr als acht Tage lang gab es kein Brot. Ein herrliches Pfingstfest! Wir wurden in Hundertschaften aufgeteilt. Die Offiziere kamen von uns weg in ein anderes Lager. Arbeit hatten wir keine zu verrichten. Die vorhandenen Geistlichen jeglicher Konfessionen hielten Gottesdienste ab. Sogar einzelne Berufszirkel wurden gegründet.

So schlugen wir die Zeit tot. Mitte Juli kam ich dann mit einem Transport weg. Wir wurden in deutsche Güterwagen verladen, deren Luken mit Stacheldraht verrammelt waren. So ging die Fahrt über Korschen bis zu einem kleinen Bahnhof in Skandau in Ostpreußen. Dort wurde unser Transport auf ein Abstellgleis geschoben, wo wir vierzehn Tage lang stehen blieben.

An dieser Stelle verschacherte ich meine Taschenuhr für Brot. Es war kein wertvolles Stück, sondern eine vor dem Krieg im sogenannten "Einheitsgeschäft" in Trier für 3,99 RM erworbene Uhr. Vor einigen Monaten hatte ich die Krone dieses Zeitmessers verloren, so daß sie sich nicht mehr aufziehen und stellen ließ. Von einem Dachpappnagel hatte ich mir einen wirksamen Ersatz gefertigt, so daß sie sich wieder aufziehen ließ.

Ein junger russischer Offizier kam eines Tages an die Luke unseres Waggons und rief: "Kamerad, Uri jest?" (Kamerad, hast Du Uhr?). Nachdem ich diese Frage bejahte, begannen die Verhandlungen darüber, wie viele Brote er dafür hergeben würde. Ehe wir uns einig wurden, passierte der Zugbegleitungsposten unseren Standort und der Leutnant verschwand unter die Waggons der Nebengleise. Als der Posten wieder weg war, erschien mein Verhandlungspartner wieder am Waggon und wir wurden handelseinig, das hieß: Zwei Brote für eine deutsche Qualitätsuhr - - -! Auf eine Garantieerklärung verzichtete Kamerad Iwan.

Mit Sicherheit gehörte dieser Soldat nicht zu der ehemaligen kämpfenden Truppe, denn diese Soldaten kamen billiger zu solchen, für sie begehrten Uhren. Diese trugen nicht selten an jedem Arm drei bis vier solcher Beutestücke.

Nach dieser Zeit hatte man endlich einem Bestimmungsort für uns ausgemacht. Unsere Nahrung bestand an diesen Tagen nur aus Trockenbrot. Man hatte Insterburg für uns ausgewählt.

In Insterburg kamen wir in ein schon bestehendes Lager mit Italienern und Deutschen. Diese lachten uns bei unserem Einzug aus, weil wir noch unsere volle Uniformen mit Auszeichnungen trugen. Wir glaubten bis dahin immer noch, eine gesonderte Behandlung zu erhalten, weil wir Kapitulanten waren.

In unser Soldbuch war in deutsch und russisch der Vermerk: Inhaber ist Angehöriger der Kapitulationsarmee Hela vom 9.5.1945. Nach einigen Tagen konnten wir feststellen, daß dieser Vermerk völlig nutzlos war. Nach einer Woche konnte niemand mehr einen Unterschied zwischen den alten Gefangenen und uns Kapitulanten feststellen. Wir trugen genau die selben kurzen, weißen Hemden mit dem Aufdruck "B P " (Woina Pleni, auf deutsch: Kriegsgefangener), wie die anderen Kameraden.

Unsere Stiefel tauschten wir bei unserer Bewachung gegen Brot und natürlich deren eigene Galoschen. Eine Uhrenrazzia war selbstverständlich schon mehrmals durchgeführt worden. Wozu brauchten wir jetzt auch noch Uhren; wir wußten auch so, was die Stunde geschlagen hatte. Die deutsche Lagerführung bestand bei unserer Ankunft aus einem Unteroffizier und zwei Beutedeutschen, die besser polnisch als deutsch sprechen konnten. Das Essen war hier - wie in der gesamten Gefangenschaft - das Wichtigste im Tagesablauf.

In jedem Lager bestand auch eine politische Führung. Diese wurde von russischen Fachkräften geschult. Es kamen hierfür jedoch nur gute Antifaschisten in Frage, möglichst sogar Mitglieder der KPD. Diese hatten die Aufgabe, die Gefangenen politisch zu schulen, kleine marxistische Zirkel zu bilden und das Leben von Karl Marx, Lenin, Stalin, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg durchzusprechen. Außerdem wurde uns der russische Staatsaufbau und seine Ziele eingebleut. Der deutsche politische Leiter war ein gewisser Schurig aus Leipzig.

Die Hauptbeschäftigung von uns Lagerinsassen bestand darin, die Verladearbeiten auf dem Bahnhof von deutscher auf russische Spur vorzunehmen. Fast ein Viertel aller Eisenbahnlinien fahren auf der Normalspur mit einer Spurweite von 1,435 Metern. Die russischen Schienen haben jedoch 1,524 Meter Spurweite. Die von den Deutschen in Rußland auf unsere Spur umgenagelten Strecken waren nicht mehr zu befahren, da sie beim Rückzug alle mit einer starken Spezialmaschine aufgerissen worden waren. So mußte nun eben alles umgeladen werden, was der Russe aus Deutschland herausschleppte.

Auf dem Bahnhof Insterburg arbeiteten je ein 110, 45, 18, 15 und 6-Tonnen-Kran. Die Dampfkräne waren mit Russen besetzt, die übrigen Kräne wurden von deutschen Gefangenen bedient. Umgeladen wurden fast sämtliche Maschinen der Metallindustrie, wie zum Beispiel Drehbänke, Stahlwalzmaschinen, Fräsen, Förderbänder und Laufkatzen.

Aber auch ganze Züge mit landwirtschaftlichen Maschinen, vor allem Dreschmaschinen. Wie uns von Russen mitgeteilt wurde, transportierte man allerdings die nur mit Elektrizität zu betreibenden Maschinen auf Kolchosen, die noch überhaupt nicht an das Stromnetz angeschlossen waren.

Wochenlang luden wir Einrichtungen der Ufa-Filmgesellschaft aus Babelsberg um. Schwere Eisenträger und Gestänge aus Werks- und Flugzeughallen kamen ebenfalls an. Man kann nicht alles aufzählen, was der Russe aus Deutschland herausschleppte. Tagelang luden wir Getreide und Zucker um.

Jeden Monat war auf dieser Arbeitsstelle Schichtwechsel. Es gab je eine Früh-, Spät- und Nachtschicht. Die Frühschicht dauerte von 6 bis 14 Uhr, die Spätschicht von 14 bis 22 Uhr und die Nachtschicht von 22 bis 6 Uhr. Die beliebteste Schicht war die Spätschicht. Die Frühschicht hatte den Nachteil, daß es schon am Abend vorher das Brot für den nächsten Tag gab; welches dann von unseren hungrigen Mäulern unbarmherzig aufgezehrt wurde.

Durch die magere Verpflegung waren wir gezwungen, alles zu stehlen, was nicht nied- und nagelfest war. Vieles konnten wir bei den Russen wieder gegen Lebensmittel eintauschen. Sehr willkommen waren die Zucker- und Mehltransporte. Jeder Gefangene hatte sich Säckchen in allen Größen zurecht genäht. Es bestand jedoch jederzeit die Gefahr, von der Transportbewachung halb tot geschlagen zu werden oder in den Karzer zu kommen.

Auf solchen Beutezügen konnte einem schon mal das Herz gewaltig pochen. Während der Nachtschichten wurden niemals Mehl- oder Zuckertransporte umgeladen. Deshalb zwang uns der Hunger zu Überlegungen, wie man doch noch an diese für uns so wertvollen Güter herankommen könnte. An den starken Transportbewachungen konnten wir immer feststellen, wenn ein solcher Güterzug auf einem Gleis des Bahnhofs abgestellt war. Wegen fehlender russischer Waggons gab es in den Nächten immer mal längere Pausen, in welchen wir dann Erkundungen machen konnten. Im Bereich des gesamten Bahnhofsgeländes konnten wir uns frei bewegen, um das gesamte Gelände befand sich eine Postenkette. Es war also nicht so, daß hinter jedem Gefangenen ein Posten stand. Im Zentrum unserer Arbeitsstelle gab es ein Magazin, das von einem Gefangenen geführt wurde. Dort konnten wir alle Werkzeug für unsere Arbeit ausleihen. So besorgten wir uns für unser Vorhaben einen Holzbohrer.

Es wurden bei den Beutezügen immer nur Einzelaktionen gestartet. Man schlich sich im Schutz der Dunkelheit an die Transportzüge heran und wartete jedesmal die Posten ab. Günstig war für unser Vorhaben das Zugende oder auch der Zuganfang. Dort passierten die Streifenposten unseren Aktionsbereich nicht so oft wie in der Mitte des Zuges.

Wenn nun der Posten gewendet hatte und in die andere Richtung marschierte, schlich man sich unter den Waggon und legte sich mit dem Rücken auf die Achsen. Da man beim Vierachser auf den zwei parallel verlaufenden Achsen liegen konnte, waren diese hierfür besonders begehrt. Dann wurde der Bohrer angesetzt und im Nu war der Waggonboden durchbohrt. Mit nur noch wenigen Drehungen hatte man dann einen Sack derart beschädigt, daß der Zucker zu rieseln begann. Schnell wurde das mitgebrachte Säckchen gefüllt und der mitgeführte und vorbereitete Holzstopfen in das Bohrloch eingedrückt. Dann mußte man Ausschau halten, wo sich der Posten im Moment befand und konnte in einem günstigen Moment "Tatort verlassen. Die nachfolgenden Kameraden hatten es dann einfacher, da sie nicht mehr zu bohren brauchten. Wenn der Sack nichts mehr hergab, mußte der nächste Kamerad einen neuen Bohrversuch starten.

Nicht selten passierte es, daß am anderen Morgen beim Rangieren ein derartiger Holzstopfen sich löste und sich zwischen den Gleisen eine Zuckerspur dahinzog. Dann war die Aufregung groß. Die Zuckersäcke dieses Waggons mußten dann von den Kameraden der nächsten Schicht wieder umgelagert werden, um den halb entleerten Sack in eine andere Lage zu bringen.

Unsere Begleitposten wußten von unseren Beutezügen, weshalb es auf dem Rückweg zum Lager nicht selten "Stoi" (Halt) hieß. Dann mußte jeder ihnen etwas abgeben. Auch kam es vor, daß am Lagertor eine Filzung durchgeführt wurde. Dort mußte dann der überwiegende Teil der süßen Ware zurückbleiben, so daß manchem nur wenig von dem nahrhaften Gut übrig blieb.

Bei den Umschlagarbeiten auf der Rampe dieses Bahnhofes hatten wir ein Todesopfer zu beklagen. Ein Kamerad aus Köln war wie wir mit dem Umladen von Feldbahnschienen beschäftigt. Die Schienen wurden an die Trosse eines Kranes gehängt, meist etwa 10 Stück in einem Bündel. Dabei wurde an einem Ende des Bündels ein Leitseil angebracht, um so die hochgezogene Fracht besser manövrieren zu können. Bei einem solchen Vorgang hing das Bündel etwas schief. Unvorhergesehen schoß aus dem über der Rampe schwebenden Bündel eine einzelne Schiene heraus und stieß mit voller Wucht gegen den Kopf des Kameraden am Leitseil. Dieser war auf der Stelle tot.

In diesem Lager war es uns gegönnt, unter schrecklicher Wanzenplage zwei Jahre lang auszuhalten. Im Sommer zogen wir abends mit unseren Strohsäcken ins Freie, um einigermaßen von diesen Biestern befreit zu sein.

Während dieser Zeit hatte ich es durch einen Trick geschafft, daß meine Mutter bereits vor Eröffnung des offiziellen Briefverkehrs Post von mir erhielt. Im Frühjahr 1946 hatte ich die Feststellung gemacht, daß die Waggonbegleitzettel in den dafür vorgesehenen Kästchen an den Waggons von den Russen unbeachtet blieben und auch beim Rücklauf der leeren deutschen Züge nicht abgenommen wurden.

So schrieb ich etliche Briefe an meine Eltern. Daß mein Vater am 2. Juli 1945 im Saarburger Krankenhaus verstorben war, weil es die erforderlichen Medikamente nicht gab, und auch meine Tante Maria, die zugleich meine Taufpatin war, am 20. Februar 1945 infolge einer Verwundung durch einen Granatsplitter gestorben war, wußte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht. Die Briefe heftete ich unter die erwähnten Begleitzettel. An das Kuvert heftete ich einen zusätzlichen Zettel mit der Bitte, den Brief gefälligerweise doch weiterzuleiten. So erhielt meine Mutter innerhalb weniger Tage Post von mir und erfuhr, daß ich noch am leben war und wo ich mich befand.

Ab Mai 1946 durften wir aus dem Lager Insterburg erstmals monatlich eine Karte an unsere Angehörigen senden. Da nach kaum einem Jahr den russischen Behörden die Kontrollen der bis auf die letzte Ecke vollgekritzelten Karten zu umfangreich und vor allem zu zeitaufwendig waren, wurden ab Februar 1947 nur noch Karten mit bis zu 25 Worten weiterbefördert. Da niemand wollte, daß seine Karte sofort im Müll landete, wurde diese Anordnung strikt eingehalten.

Leider rissen diese Briefe jedoch auch immer wieder bei meiner Mutter die durch den Tod meines Vaters und meiner Tante erlittenen seelischen Wunden erneut wieder auf. Im Mai 1946 durften wir dann erstmals offiziell nach Hause schreiben. Erst im Januar 1947 erhielt ich die erste Post von meiner Mutter. So groß die Freude über diese Post auch war, so niedergeschlagen war ich nach dem Lesen dieser Zeilen. Durch sie erfuhr ich, daß mein Vater und meine Patin nicht mehr unter den Lebenden weilten und somit das lang ersehnte Wiedersehen mit ihnen nicht mehr in Frage kam. Ab diesem Zeitraum konnten wir jeden Monat eine Rot-Kreuz-Karte an unsere Angehörigen schreiben. Zeitweise waren jedoch nur 25 Worte zugelassen.

Am 10. Oktober 1947 hatte meine Abschiedsstunde für Insterburg geschlagen. Über die Hälfte der Lagerinsassen wurde verladen. Zurück blieb nur eine kleine Schar von angeblichen Bestarbeitern, welche von der deutschen Lagerleitung ausgesucht worden waren. So mußte ich mich von meinem einzigen Kameraden trennen, mit welchem ich seid meiner Einberufung zusammen war - Richard Rheingans (+ Okt. 2009 in Rheinböllen) aus Rheinböllen im Hunsrück.

Vor dem Ausmarsch aus dem Lager wurden wir nochmals gefilzt. Mit unseren Strohsäcken bepackt ging es zum Bahnhof, wo wir in der Dunkelheit in russische Waggons einsteigen mußten. Nun war für uns alle die Fahrtrichtung klar: Mit russischen Wagen konnten wir nicht in Richtung Deutschland fahren.

Die Fahrt ging über Kowno - Wilna - Minsk - Bobrusk - Gomel - Poltawa - Krasnograd zu unserem Bestimmungsort Dnjepropetrowsk. Das Lager war fast eine Stunde Fußweg vom Bahnhof entfernt. Es war immerhin eine Stadt mit 380.000 Einwohnern. Unsere Lager hatte die Nummer 7315/5 und bestand aus Steinbaracken, von denen jede mit 200 Betten ausgestattet war. Die Gesamtbelegschaft des Lagers betrug 600 Mann. Bis zum ersten November machten wir Lagerarbeiten. Dann ging es auf Außenkommando. Die erste Baustelle, an welcher ich arbeiten mußte, lag eineinhalb Fußstunden vom Lager entfernt. Diese Strecke mußte natürlich zweimal am Tag zurückgelegt werden. Wir hoben dort Dränagegräben aus. An dieser Stelle wurde ein großes Zivilstraflager gebaut. Nach einiger Zeit hatte ich das Glück, zu einem Spezialkommando zu kommen. Dieses Kommando bestand hauptsächlich aus Spezialisten, wie Schlosser, Dreher und dergleichen. Wir arbeiteten in einem Lokomotiv-Ausbesserungswerk. Jeden Morgen wurden wir mit zwei Lastwagen abgeholt und Abends auch wieder zurückgebracht.

Zuerst kam ich zur Transportkolonne. Unsere Aufgabe bestand darin, Kohlen aus meist geschlossenen 60-Tonnen-Wagen auszuladen. Die Waggons waren so lang, daß die Kohlen innerhalb des Wagens zweimal geschippt werden mußte, bis man sie an der Tür hatte. Nun wird sich der Leser fragen, wie man die Kohlen in die Waggons bekam. Das war sehr einfach: das Dach wurde an zwei Stellen aufgerissen und so konnten die Wagen maschinell von oben beladen werden.

Später kam ich in die Gießerei, wo die Achslagerschalen neu ausgegossen wurden. Wir mußten das Rohmaterial zum Gießofen befördern und die fertig gegossenen Teile wieder zur Weiterverarbeitung in eine andere Halle bringen.

Nach einigen Wochen kam ich wieder in eine andere Zeche. In der Lokomotivhalle war nun mein Arbeitsplatz. Die einzelnen Gefangenen waren russischen Zivilbrigaden zugeteilt. Die Loks auf den Prüfständen mußten wir mit Kohlen versorgen. Dies geschah mittels einer Holztrage vom Kohlendepot aus. An der Lok angekommen, wurden sie abgekippt und in den Lokführerstand geschaufelt. Von dort aus dann zurück in den Tender.

Bei dieser Arbeit machte sich die fabelhafte russische Organisation bemerkbar: Während wir die Kohlen in den Führerstand schaufelten, waren zu gleicher Zeit dort mehrere Handwerker in dem nur vier Quadratmeter großen Raum tätig. Ein Schreiner verlegte den Fußboden neu, ein Mechaniker installierte die Armaturen, ein Glaser setzte die Fenster ein, ein Elektriker verlegte die Leitungen, dann waren da noch zwei Anstreicher mit ihren Farbtöpfen und dazwischen unsere Kohlen. Eine Arbeitseinteilung, die wirklich zu empfehlen ist ---!

Hier erlernte ich mehr russische Worte - vor allem aber Fluche - als während meiner ganzen Gefangenschaft. Oft mußte, wenn wir todmüde heimkamen, das ganze Lager noch zur Filzung antreten. Hierbei standen dann 600 Menschen mit ihren erbärmlichen Habseligkeiten stundenlang bei eisiger Kälte auf dem Hof. Und das nur, weil irgendein dummer Vorgesetzter ein Taschenmesser brauchte, welches er sich bei uns armen Gefangenen auf Lebenszeit ausleihen wollte. Die schlechten Arbeiter wurden in diesem Lager namentlich auf einer Lagertafel angeprangert, während die Bestarbeiter auf eine Ehrenliste kamen.

 

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